Was wir alles über Fürth wissen – Grundig, Spiegel, Michaeliskärwa – und was nicht. Eine längst notwendige Ergänzung meinerseits in der Kärwazeitung von 2025. Und bitte die zeitgenössischen Umstände berücksichtigen. Mein ceterum censeo: Die nächste Kärwa kommt bestimmt!
Die wenigsten werden sich heute noch an ihn erinnern, zu sehr stand er zeitlebens im Schatten seines kleinen Bruders Max. Er galt allerdings während des ersten Weltkriegs als ein aufstrebender Star der Spiegel-Szene, als junges Genie auf dem Gebiet der Reflektions-Technologie, dessen Erfindungsgabe praktisch keine Grenzen gesetzt waren – Moritz Grundig. Außerhalb seiner Arbeit widmete er sich voller Begeisterung den neuesten physikalischen Entdeckungen. Quantenphysik, Relativitätstheorie, Teslas Hochspannungstrafos, Antimaterie – ihnen gehörte seine ganze Liebe und Aufmerksamkeit. Und der Fürther Kärwa natürlich, für die er alljährlich seine Edelspiegelmanufaktur zusperrte und vierzehn Tage in Folge im Bierzelt verbrachte. Irgendwo zwischen Achterbahn, der Elektrodynamik bewegter Körper und seiner Werkstatt hatte er dann den Einfall seines Lebens. Im Alleingang konstruierte er noch gerade rechtzeitig und absolut frei von Quecksilber einen Zeitspiegel, den er am letzten Tag der Kärwa auf der Fürther Freiheit aufstellte. Für die einmalige Benutzung nahm er 60 Pfennige, immerhin fast so viel wie eine Maß Bier kostete oder anders gesagt: für die damaligen Verhältnisse ein kleines Vermögen. Doch dafür bekamen die Leute etwas ganz Besonderes: ein Schritt in diesen Spezial-Spiegel beförderte einen in eine Welt mit umgekehrter Zeitaufteilung. Hinter dem Spiegel war das ganze Jahr über Kärwa, außer während zweier Wochen im Herbst, da wurde gearbeitet. Ansonsten aber wurde nur gefeiert. Der Andrang war gewaltig, den Erzählungen unserer Großeltern nach verschwanden Hunderte in dem Spiegel, in der überwiegenden Mehrheit Männer, aber auch so manches Kirchweih-Mädli wechselte begeistert die Seiten. Die wenigen Rückkehrer berichteten Sagenhaftes von dem ganzjährigen Volksfest in der Welt hinter dem Spiegel – ehe sie wieder darin verschwanden. Übrigens ohne sich hinten anzustellen, was beim Publikum, das inzwischen bis über die Stadtgrenze nach Nürnberg Schlange stand, große Empörung auslöste. So kam es wie es kommen musste: die Fürther Stadtpolizei wurde von dem Spektakel in Kenntnis gesetzt. Die Schutzmänner trafen in Hundertschaftsstärke ein, trieben die Menge auseinander und konfiszierten den Zeitspiegel. Dessen Verbleib ist seitdem ungewiss. Anfangs hieß es aus dem Innenministerium, dass man gar nicht so schnell neue Beamte ausbilden könne, wie täglich auf der Fürther Polizeiwache auf geheimnisvolle Weise verschwanden. Doch das hörte irgendwann wieder auf, und niemand weiß, ob Moritz Grundigs Spezial-Reflektor noch existiert. Am Ende vielleicht sogar in einem der Spiegel-Kabinette, wie man sie regelmäßig auf der Kärwa besuchen kann…
Kärwa-Zeitung, Fürth, 2025

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