Ein Beitrag zur WAHRHEIT, erschienen in der taz vom 9. Mai 2025. In der gedruckten Version wurde der Name des Wiederaufbau-Manns geändert (unter anderem). Ich persönlich liebe ja so sprechende Namen, aber nicht jeder geht mit mir d’accord. Muss ja auch nicht.
Das Treffen mit dem Wiederaufbau-Mann
Vor Kurzem ist in Archiven des NDR der Mitschnitt eines Interviews mit dem Rentner Emil Maurer aufgetaucht. Maurer wurde nach der Jahrtausendwende bekannt als der Mann, der Deutschland wieder aufgebaut hat. Das Gespräch stammt aus dem Jahr 2011, Emil Maurer verstarb 2014 hochbetagt in seiner Eckkneipe »Zum durstigen Maurer« in Oldenburg. Der »Wahrheit« liegt exklusiv verschriftlicht das vollständige Gespräch vor.
Herr Maurer, Sie sind bekannt geworden als der Mann, der Deutschland nach dem Krieg wieder aufgebaut hat. Wir würden gerne wissen, ob Sie sich von der Gesellschaft angemessen honoriert fühlen.
Immer dasselbe: »dieser Mann hat Deutschland wieder aufgebaut!« Ich kann’s nicht mehr hören. Wie soll ich da in Ruhe mein Pils trinken, wenn ständig Leute vorbeikommen und den Mann, der Deutschland wieder aufgebaut hat, sehen wollen? Ich denke doch, auch ich habe ein Recht, mir eine Privatsphäre aufzubauen, oder nicht?
Das verstehen wir. Dennoch: War es nicht eine wahnsinnige Leistung, die Sie damals abgeliefert haben? Die heutige Jugend ist ja nicht mal mehr in der Lage, früh aus dem Bett zu steigen und ihre von Drogen und Internet zerrüttete Psyche wiederaufzubauen. Ganz zu schweigen davon, einer ganzen Generation unserer Deutschen Wiederaufbau-Helden den gebührenden Respekt zu erweisen. So steht es in der BILD!
Papperlapap, das ist doch kompletter Unsinn! Wer sich ein bisschen auskennt weiß, dass der Job nicht mehr als ein Klacks war. Baumaterial lag ja genügend herum, und was da vorher gestanden war, hatte eh nur noch Schrottwert gehabt. Jeder in meiner Situation hätte so gehandelt. Ich hab rein zufällig als erster damit angefangen und bis die anderen checkten, dass da was geht, war ich schon fast durch damit.
Dann erzählen Sie doch bitte ein bisschen darüber, wie das damals war, als Sie Deutschland nach dem Krieg ganz alleine wieder aufgebaut haben?
Hab oben angefangen und unten wieder aufgehört.
Was – erst das Dach, dann das Haus?
Nein, Sie Dummie: oben an der Küste, unten in Bayern.
Ihre Frau hat Ihnen bestimmt geholfen? Eine echte Trümmerfrau, stimmt’s? Mit Kittelschürze und Kopftuch. Und sie klopfte mit bloßen Händen den Zement von den Ziegelsteinen, oder? Bitte bestätigen Sie unser Klischee!
Ach i-wo! Die hat sich amüsiert, ist tanzen gegangen. Wenn ich zu ihr gesagt habe: »kannst du nicht mithelfen? Wir bauen Deutschland wieder auf, damit in 70 Jahren neue Nazi-Parteien gegen Bürgergeld und Flüchtlingshilfe hetzen können«, dann hat sie nur gelacht. »Du hattest jetzt sechs Jahre lang deinen Spaß im Krieg«, hat sie gesagt, »jetzt bin ich dran. Übrigens möchte ich dich ungern daran erinnern, dass du den Hitler…« aber egal, das gehört hier nicht her.
Aber insgesamt spielten Trümmerfrauen doch eine wahnsinnig wichtige Rolle, oder?
Reine Wichtigtuerei, das sage ich Ihnen. Was hätten wir denn sonst zu tun gehabt? Die Rüstungsindustrie steckte in einer tiefen Krise, die ganzen Wehrmachtsführerscheine waren mit einem Schlag ungültig geworden – man konnte nicht einmal mehr eine Fahrt ins Blaue machen, selbst wenn der Holzvergaser ansprang! Nichts hatten wir, nicht einmal Oreos oder TikTok-Konten…
Wie lange haben Sie für den Wiederaufbau Deutschlands gebraucht?
Lassen Sie mich schnell nachdenken! Hm, schwierige Frage… ungefähr bis kurz bevor Helmut Kohl Bundeskanzler wurde, 1953 herum, kann das sein?
Keine Sorge, so genau müssen wir das auch nicht wissen… Ganz im Vertrauen: wir haben uns dieses Interview nur ausgedacht, um das Sommerloch zu stopfen.
Sommerloch? Stellen Sie sich nicht so an! Damals gab’s einzelne Bombenkrater, die waren größer. Einfach ein zerstörtes Fabrikgebäude hineinschieben und fertig! Das hält noch die nächsten Tausend Jahre, das sagten wir damals so. Hat sich ja niemand beklagt wegen so was. Aber wehe, wenn man heute…
Wir verstehen Sie voll und ganz, aber lassen Sie uns beim Thema bleiben! Apropos heute: was würden sie anders machen, wenn Sie heute nochmal dieselbe Aufgabe in Angriff nehmen müssten?
Ach, wissen Sie, nur wer nichts tut macht keine Fehler. Bielefeld hätte ich mir sparen können. Es war aber nicht abzusehen, dass plötzlich alle glauben, die Stadt gäb’s gar nicht. Dabei ist die mir ganz gut gelungen, finde ich. Im Gegensatz zu Stuttgart. Und Frankfurt. Und Nürnberg. Und Kiel. Und Ingolstadt. Und Neu-Ulm. Und Aachen. Vielleicht hätte ich die besser weglassen sollen… nein, hahaha, ich mache nur Spaß. Aachen ist mir sehr gut gelungen.
Und die anderen? Würden Sie nicht mehr aufbauen?
Nein, wüsste nicht wozu.
Gehen Sie regelmäßig Flaschen sammeln, so wie alle Rentner, die, so steht es verlässlich in der BILD, um ihre Lebensleistung betrogen werden?
Ach Gottchen! Als ob irgendjemand heute darben müsste! Ich hatte damals ja überhaupt nichts mehr. Mein komplettes Gepäck war in Russland geblieben, die ganze Beutekunst, Uhren, Sowjetwimpel und so weiter. Und irgendjemand musste Deutschland doch aufbauen, oder? Ich sagte mir: es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Bin viel herumgekommen, war ne schöne Zeit damals. Später hab ich im Lotto gewonnen, finanzielle Sorgen kenne ich nicht.
Herr Maurer, wir danken für das Gespräch!
Wenn’s unbedingt sein muss…

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